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GENERATION C – WIE DENKT DIE VERNETZTE GENERATION?

Der Beginn des 21. Jahrhunderts kann als die Ära der digitalen Vernetzung bezeichnet werden. Die Protagonisten der sich abzeichnenden vernetzten Gesellschaft sind die Mitglieder der Generation C. Die Generation C ist nicht auf eine bestimmte Altersklasse beschränkt. Ihre Mitglieder können aus den verschiedensten Altersklassen stammen. Sie definiert sich über die technischen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung. Doch besteht sie wohl derzeit größtenteils aus jüngeren, sich gerade sozialisierenden, Mitgliedern unserer Gesellschaft.
Ich persönlich fühle mich ebenfalls als Teil dieser Generation, welche die digitalen Kommunikationsmittel nicht mehr missen möchte. Auf der anderen Seite ist mir durchaus bewusst, welche Probleme durch vernetzte Kommunikation entstehen können. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass wir diese Probleme lösen können, wenn wir sie uns bewusst machen und darüber diskutieren.

Generation C – “Vernetztes Denken”

Twitter, wer braucht das schon? Ich muss sagen, ich brauche es! Zu sehen, was Menschen gerade jetzt mitzuteilen haben, auch wenn sie tausende Kilometer weit weg sind, fasziniert mich. Die Gegenwärtigkeit, bei gleichzeitiger Distanz, die durch dieses Medium erzeugt wird, zeigt für mich ganz deutlich die besondere Kraft der Vernetzung. Ich fange an, die Gedanken anderer Menschen zu interpretieren und auf meine Gedanken wirken zu lassen. Der Unterschied ist, dass ich diese Menschen im realen Alltag selten zu Gesicht bekomme. Dennoch bin ich mit ihnen vernetzt und kann jeder Zeit mit ihnen kommunizieren und sogar eine Beziehung aufbauen (also à la Robert Brandom anfangen ein Punktekonto für die andere Person zu führen). Dieser Einfluss auf mein Denken ist weiterhin über Medien vermittelt. Der Unterschied zu den Massenmedien liegt dabei jedoch in der Vielfalt der Menschen, mit denen ich kommuniziere. Meine digitalen Gemeinschaften bzw. Communities sind somit größer, als meine reale Gemeinschaften.

Der vervielfältigte Einfluss auf meine Gedanken ist also der externe Faktor des “vernetzten Denkens”, der bei der Generation C den Unterschied macht. Doch wie verarbeitet mein Gehirn diese Einflüsse? Meine unwissenschaftliche Vorstellung dieser Prozesse, die ich aus meinen Gefühlen ableite, sehen wie folgt aus (um diese zu verfeinern würde ich mich gerade an dieser unsicheren Stelle über weiter Meinungen in den Kommentaren freuen :) . Innerhalb der Denkstrukturen spiegelt sich diese Vernetzung durch die Vielfalt der kommunikativ entstandenen Beziehungen wider, die ich innerhalb meines Netzwerkes eingehe. Mein Gehirn speichert ab, mit wem ich zu welchen Themen gesprochen habe und wobei sich der letzte Stand unserer Kommunikation befindet. Dies ist natürlich in der realen Kommunikation ähnlich, doch muss diese im Vergleich mit nur einem Bruchteil an Kommunikationen umgehen. Auf den Punkt, die Neuronen in unserem Gehirn spiegeln in ihren Strukturen die weitläufigen und hektischen Strukturen des digitalen sozialen Netzwerkes wider. Diese sind technologisch erweitert und unterliegen zahlreichen und vielfältigen Reizen, die hyperdynamisch auf die Sinne und somit das Gehirn niederprasseln. Dieser Beschleunigung müssen sich nun auch die Strukturen im Gehirn anpassen.

Natürlich verlieren wir durch diese neuen Strukturen auch bestimmte Dinge, welche in der unvernetzten Generation vorhanden sind. Dazu gehört beispielsweise die Fähigkeit der Konzentration auf ein Thema über einen längeren Zeitraum oder das ausdauernde Lesen von Büchern. Ich kenne viele Menschen aus der Generation C, die bei längerem Lesen unruhig werden und lieber zum Hörbuch greifen. Dieser Effekt war bei mir ebenfalls stark ausgeprägt und es geht mir manchmal immer noch so. Doch gerade die letzte Zeit hat mir gezeigt, dass diese Fähigkeiten durch Training zusätzlich zum “vernetzten Denken” erworben werden können und sich diese Probleme lösen lassen. Doch zumeist werden es die GenCler wohl nicht von alleine bemerken und hier die Unterstützung von außen brauchen, bevor die Unruhe zu ernsthaften psychischen Problemen führt.

Sind digitale Beziehungen wirkliche Beziehungen?

Mich interessieren besonders die, durch die digitale Kommunikation entstandenen, Beziehungen. Mitglieder der Generation C zeichnen sich dadurch aus, dass sie in ihren sozialen Netzwerken eine große Zahl an Followern oder „Freunden“ anhäufen. Diese Kontakte sind natürlich nur oberflächlich oder latent. Dennoch sind sie ein Ausdruck von sozialer Aktivität, die bei Bedarf immer wieder abgerufen werden kann. Die Aktivitäten unseres Netzwerkes werden uns, je nach Sortierung chronologisch oder nach den Relevanzkriterien von Algorithmen, täglich neu vergegenwärtigt. Sie führen dazu, dass wir von diesen Menschen ein anderes Bild bekommen.

Kommunikationswissenschaftlich gesprochen, etablieren wir einen deontischen Status, der über das digitale Image des jeweiligen Menschens kommunikativ aufrecht gehalten wird. Dieser Prozess ist hier dem jeglicher medienvermittelten Kommunikation und Beziehungspflege ähnlich. Auf der anderen Seite kann es zu einer Realitätsflucht und zur Substitution der Realität, durch die digitalen Abbilder, kommen. Die Vermehrung von digitaler Kommunikation kann zu einer Minderung der direkten Kommunikation führen. Ist das schlimm? Wenn ja, dann muss die digitale Beziehung auch von anderer Qualität sein, als die realen Beziehungen. Genau das ist der Fall und das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen. Die Kommunikation im unvermittelten Kontakt hat eine erheblich größere Wirkung auf den deontischen Status, als die vermittelte. Der Mensch als vernetztes Wesen entwickelt sich also nur, wenn er die Möglichkeiten der technologischen Vernetzung auch mal abstreifen kann.

„Homo Connectus“ – Eine nächste Stufe der Evolution?

Der evolutionär gewachsene Mensch bedient sich seit ein paar Jahrhunderten seiner technologischen Werkzeuge, die er durch sein rationales Vermögen hervorgebracht hat. Durch die Nutzung seiner Technologien entsteht ein Wandel in seinen kulturellen Praktiken, die wiederum einen Einfluss auf sein Verhalten hat. Ich glaube, dass sich dies wiederum in seine natürliche Entwicklung einbrennt und die biologische Weiterentwicklung, zumindest des Gehirns, beeinflusst.

Die entwickelten Fähigkeiten des „Homo Connectus“ werden den Menschen helfen mehr und schneller miteinander zu kommunizieren. Auch wenn die dadurch verursachte Beschleunigung vielen derzeit noch als zu anstrengend erscheint, so wird es doch, generationenübergreifend betrachtet, irgendwann zur Normalität. Fraglich ist, ob wir in diesem Prozess eher durch die Technologien determiniert sind oder ob wir die Vernetzung einfach nur als nützlich betrachten sollten, da wir unser Werkzeug unter voller Kontrolle für uns einsetzen.

Auch an dieser Stelle stehen wir natürlich wieder vor Problemen. Wie geht zum Beispiel die vernetzte Generation mit denen um, die nicht mit dem Smartphone aufgewachsen sind und den ganzen Tag zwischen Whats App, Facebook und Instagram hin und her wechseln? Mir kommt es oft so vor, als würden diese beiden Generationen an manchen Stellen nicht mehr die selbe Sprache sprechen und sich einfach nicht verstehen oder bilde ich mir das nur ein?

Generation C –  die vernetzte Gesellschaft

Es mag in Gesellschaften wohl schon immer generationsübergreifende Konflikte gegeben haben. Aber die Kommunikation über das Internet und die Entwöhnung der Meinungsbildung über Massenmedien sind doch sehr prägend für die vernetzte Generation. Anders kann ich mir das hohe Maß an verschiedensten Meinungsströmen, die in großen Teilen dem Mainstream und teilweise auch unseren demokratischen Grundsätzen widersprechen, nicht erklären. Es mag diese Meinungen vielleicht schon immer im Verborgenen gegeben haben und sie werden nun einfach durch die neue Kommunikationstechnologie ans Licht geführt. Doch was passiert, wenn in der vernetzten Gesellschaft diese vielfältigen Meinungsströme plötzlich sichtbar werden? Die Informationen stehen nun potenziell allen zur Verfügung und erweitern somit die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Diskurse, so dass sich die deliberative Öffentlichkeit nun mit komplexeren Kommunikationsprozessen konfrontiert sieht.

Menschen, die sich mit vielen Menschen vernetzen können und die Stärken dieses Netzwerkes ausspielen können, werden in Zukunft unsere Gesellschaft prägen. Dies können die früheren Kommunikatoren der Massenmedien sein, sie müssen es aber nicht. Prinzipiell hat jeder die Möglichkeit seine Positionen mit wenig Aufwand in den Ring des öffentlichen Diskurses zu werfen. Ich habe zuvor geschrieben, dass die digitale Technologie unsere digitalen Gemeinschaften vergrößert. Aber führt dies auch dazu, dass unsere Gesellschaft in diesem Diskurspotenzial näher zusammen wächst? Nicht zwingend! Es besteht die Gefahr, dass die verschiedensten Gruppen bzw. Communities sich eher noch stärker von einander abgrenzen und gegeneinander kämpfen. Damit dies nicht geschieht, müssen wir gemeinsam daran arbeiten, diese komplexen Kommunikationsprozesse zu verstehen und die Gefahren einer antidemokratischen Entwicklung abzuwenden. Ausserdem müssen wir lernen mit einer Vielfalt an (digitalen) Gemeinschaften friedlich, respektvoll und frei umzugehen. Dies braucht, neben dem Aufbau einer “digitalen” und dadurch auch globalen Rechtsstaatlichkeit, auch kulturelle Bemühungen.

Also: „This ist the dawning of the Age auf Connectarius“ – viel Veränderung und sonst so?

 

Artikelbild: cocoparisienne auf Pixabay

3 Comments
  • Markus Vogt

    Januar 6, 2015 at 1:55 pm Antworten

    Das Gehirn speichert nichts. Man sollte meiner Ansicht nach Begriffe versuchen richtig zuzuschreiben und nicht sozusagen eine Computer-Sprache für alle Lebenswelten verwenden. Auch Aussagen wie “Das Gehirn denkt” sind gefährlich. Ansonsten begeht man einen mereologischen Fehlschuss.
    Das Besondere der Netzwerke ist erstmal die Möglichkeit verschiedene Kulturen etc. kennenzulernen, aber es geschieht noch viel zu wenig und oft wird durch Netzwerke im Digitalen nur Bestehendes abgebildet.

    • Sebastian Werner

      Januar 6, 2015 at 7:52 pm Antworten

      Lieber Herr Vogt, vielen Dank für Ihren guten Kommentar. Ich finde es toll, wenn ich was lernen und besser in der Begrifflichkeit werden kann. Deshalb würde ich mich sehr über Ihre Antwort auf die folgenden Fragen freuen. Mit welchen Begriffen würden Sie im Bezug auf das Gehirn arbeiten? Welche Teile des Körpers sind den ebenfalls am gesamten Denkprozess beteiligt? Was sollte Ihrer Meinung nach neben dem Bestehenden in Netzwerken abgebildet werden oder meinten Sie, dass Benutzer lediglich ihre bereits bestehende Kommunikation abbilden?

  • […] durch personalisierte Newsletter und individuell zugeschnittenen Content erreichen. Doch für die Generation C, eine Gesellschaftsgruppe, die sich über technische Möglichkeiten und die digitale Vernetzung […]

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