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EDWARD SNOWDEN – DIE POSTMODERNE ANTIGONE

Freiheit vs. Sicherheit ist wohl die Grundfrage im Diskurs zu dem von Edward Snowden aufgedeckten Daten- und Ausspähskandal. Dazu kann ich nur sagen, dass Freiheit ein wichtiges und hart erkämpftes Gut ist, das nicht zu leichtfertig aufgegeben werden darf.

Doch es schwingt auch noch eine weitere Problematik mit, welche die Untiefen unserer Moral ankratzt. Die Frage, ob es gerechtfertigt ist gegen die Gesetze des Staates zu handeln, wenn höhere moralische Rechte diesen widersprechen. Dabei muss ich direkt an Antigone denken. Dieser Mythos zeigt uns, dass dieses Problem über die Jahrtausende der zivilisierten Menschheitsgeschichte konstant ist.

Antigone – die Whistblowerin der Antike

Antigone hat Missstände, die gegen das “göttliche Recht” verstoßen haben, aufgedeckt und dagegen gehandelt. Sie wurde dabei von den Wächtern ihres Onkels Kreon – dem König von Theben – beobachtet und gefangen genommen. Als Tochter des Ödipus stammt sie aus einem verfluchten Geschlecht, so dass die Tragödie bereits vorbestimmt ist. Doch was war eigentlich passiert? Antigone möchte ihren in der Schlacht um Theben gefallenen Bruder Polyneikes nach göttlichem Recht begraben. Doch ihr Onkel Kreon hat befohlen, ihn draußen vor den Stadttoren vergammeln zu lassen, da er sich gegen die Familie und die Stadt Theben aufgelehnt hat und den Herrscher Etheokles, einem weiteren Bruder von Antigone, im Krieg getötet hat. Antigone, die kleine aufmüpfige Göre, die sich gegen den Staat in Form des Gesetzes ihres Onkels Kreon auflehnt und diesem zuwiderhandelt, hat schon einige Ähnlichkeiten mit Edward Snowden.

Das unumstößliche Recht

Recht und Moral oder besser Legalität und Legitimität sind nicht immer deckungsgleich. Doch sollte der Mensch beides miteinander vereinbaren. Das wusste auch der griechische Dichter Sophokles, der die Tragödie der Antigone in Jahrtausende alte Verse verwandelte:

Erster Chorgesang (Stasimon)

“Mit der Erfindung Kunst
Reich über Hoffen begabt,
Treibt´s zum Bösen ihn bald
Und bald zum Guten.
Ehrend des Landes Gesetz
Und der Götter beschworenes Recht,
Ist er groß im Volk.
Nichts im Volk,
Wer sich den Unrecht gab
Vermessenen Sinns.
Nie sei Gast meines Herdes,
Nie mein Gesinnungsfreund,
Wer solches beginnt.”

Das UND zwischen “Landes Gesetz” und “der Götter beschworenes Recht” ist hier ausschlaggebend. Folglich handelt derjenige unsittlich, der gegen das Gesetz des Staates verstößt. Ich nehme mir hier mal die Freiheit und ordne das “göttliche Recht” unter den Bereich der Legitimität und rücke es somit in die Kategorie der Moral.
Bis hierhin würde Sophokles Edward Snowden wohl ins Gefängnis stecken.

Vernunft zwischen Vater und Sohn

Doch dabei bleibt er nicht stehen. Er lässt seine Protagonisten über das Stück hinweg weiter über den Zielkonflikt debattieren. Den Höhepunkt bildet der Diskurs zwischen Kreon und seinem Sohn Haimon, dem Verlobten von Antigone:

Kreon

“Wen sich das Volk erkor, dem gilt´s zu folgen
Im Kleinsten – ob gerecht, ob ungerecht.
Zuchtlosigkeit, das ist das Allerschlimmste!
Sie stürzt die Staaten, sie verheert die Häuser,
Sie reißt die Speergenossen auseinander.

Darum gilt´s, das Ordnung -Schaffende zu schützen”

Haimon

“Vater, die Götter pflanzen die Vernunft
Dem Menschen ein als höchstes aller Güter.
Ich könnte nicht behaupten, was Du sagtest,
Das sei nicht richtig, möcht´es auch nicht können,
Nur kommt wohl auch ein andrer auf das Rechte.

Drum lass nicht nur die eine Denkart gelten,
Die du für richtig hältst, und keine andre!
denn wer nur selber einsichtsvoll sich dünkt,
Begabt mit Geist und Rede wie kein Zweiter,
Enthüllt bei Licht besehen sich als leer.
Auch für den Klugen ist doch keine Schande,
Statt sich zu übernehmen, viel zu lernen.
Du siehst am winterlich geschwollnen Strom
Den Baum, der nachgibt, seine Zweige retten,
Was widersteht, reißt´s mit den Wurzeln fort.

Drum beuge Dich und wandle deinen Sinn!”

Oh kluger Haimon. In seiner jungen und dynamischen Art wagt er es, sich mit seinen Worten gegen das Alteingesessene aufzulehnen. Ob diesen Worten wohl noch Taten folgen? Wir werden sehen.
Für Sophokles scheint es also doch Ausnahmen zu geben für den strikten Staatsgehorsam. Doch erst das Ende der Tragödie wird die endgültige Entscheidung bringen.

Edward Snowden – der Heilige und die Unschuld oder die Moral in der vernetzten Welt

Kreon bleibt hart und lässt sich nicht von Haimon überzeugen. Er lässt nicht von Antigones Strafe ab und lässt sie lebendig in ein Felsengrab einmauern. Kurz vor ihrem Untergang klagt sie noch einmal über das Unrecht, welches ihr angetan wird.

Antigone

“Edle Thebaner, schaut mich an,
Die Einzige, Letzte vom Königsgeschlecht,
Was ich leide, von was für Volk,
Weil ich Heiliges, heilig gehalten!”

Das Heilige und das Gute haben viel gemeinsam, doch schützt es nicht vor der Sterblichkeit des Menschen. Antigone stirbt und somit wird dem Gesetz genüge getan und es kann wieder Ruhe einkehren im Staate Theben. Doch ganz so einfach ist es  nicht. Kreon muss mit weiteren Konsequenzen seiner Entscheidung fertig werden. Es gibt Strömungen in Kreons Staat, die dieses Urteil als Unrecht identifizieren. Haimon kann wohl als deren Anführer verstanden werden. Nachdem seine Worte nichts bewirkt haben, lässt er nun Taten folgen. Er bringt sich um. Und weil das noch nicht tragisch genug ist, folgt ihm seine Mutter Eurydike ebenfalls in den Tod. Sie hat die Hybris ihres Mannes und die daraus folgenden Tode nicht ausgehalten. Am Schluss leidet Kreon und bereut seine Taten.

Doch wird Antigone dadurch Unschuldig?

Oder besser, macht es Edward Snowden unschuldig, nur weil einige Aktivisten seine Handlungen als Wohltat für den Staat und die Gesellschaft verargumentieren und ihn als Whistleblower bezeichnen? Seit dieser Woche kann man die New York Times wohl als Snowdens Haimon bezeichnen:


“Considering the enormous value of the information he has revealed, and the abuses he has exposed, Mr. Snowden deserves better than a life of permanent exile, fear and flight. He may have committed a crime to do so, but he has done his country a great service. It is time for the United States to offer Mr. Snowden a plea bargain or some form of clemency that would allow him to return home, face at least substantially reduced punishment in light of his role as a whistle-blower, and have the hope of a life advocating for greater privacy and far stronger oversight of the runaway intelligence community. […] 
When someone reveals that government officials have routinely and deliberately broken the law, that person should not face life in prison at the hands of the same government.”

The Editorial Board – New York Times

Aber natürlich setzen sich auch noch viele weitere Aktivisten, Blogger und Journalisten für “die Kraft eines global orientierten zivilgesellschaftlichen Engagements” ein, wie Thilo Jung vor Kurzem schrieb.

Na ja, auf jeden Fall gibt es moralische Diskurse in und für die vernetzte Welt. Und das ist auch gut so.

Gesellschaften haben moralische Normen, die den legalen Konstrukten des Staates widersprechen, da diese im Zielkonflikt der Grundrechte stehen. Doch müssen diese, wie es derzeit bei Snownden geschieht, in einem gesellschaftlichen Diskurs deliberativ verhandelt werden. Würde uns dieser Spielraum fehlen, dann wäre die Gesellschaft versteift und würde aus mangelnder Anpassungsfähigkeit verkümmern. Dafür brauchen wir Freiheit in der Meinung und in den Medien.

Ach so, die Unschuldsfrage habe ich ja noch gar nicht beantwortet. Unter dem Strich bleibt uns nur die Staatsgewalt, die aber hoch sensibel und flexibel auf die moralischen Diskurse in der Gesellschaft reagieren muss. Da hat Obama wohl noch was zu tun.

Und die Moral von der Geschicht

Erster Chorgesang

“Ungeheure ist viel und nichts
Ungeheurer als der Mensch.”

 

 

Artikelbild: Projekt Gutenberg

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