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EIN “R” ZUVIEL – WIE STEHT’S EIGENTLICH UM DIE #MEDIAREVOLUTION

tl;dr: “Kant hat Bestand. Das Internet darf niemals als Zweck angesehen werden, sondern ist immer nur Mittel. Darüber hinaus revolutioniert das Internet nicht. Es hilft dem Menschen und seiner Gesellschaft bei der Entwicklung, wobei jedoch andere Faktoren ihr Schicksal bestimmen.”

Mediarevolution

Am Anfang steht die Frage: Wie verändert das Internet die Medienlandschaft, uns Menschen oder sogar unsere Gesellschaft? Hat diese Technologie das Potenzial unsere fundamentalen Probleme zumindest teilweise zu lösen? Es gibt in dieser Debatte um die Revolutionskräfte des “neuen” Mediums viele Enthusiasten. Immer mal wieder erwische ich mich selber ebenfalls dabei die verheissungsvollen Kräfte des Netzwerkes zu beschwören. Mich beeindrucken die neuen Möglichkeiten innerhalb der Medienbranche und auch darüber hinaus. Z.B. bei demokratischen Prozessen oder bezüglich der ökonomischen Vorteile, welche durch den rasanten Informationsaustausch entstehen. Doch ist das Internet dabei eher “der Heilsbringer”, der durch seine bloße Existenz die Welt verändert oder ist es einfach nur “ein Ermöglicher”, der für sich alleine genommen noch gar keinen Unterschied bringt?

Die Kritik am Solutionismus und Internetzentrismus

Ich lese gerade das Buch “Smarte neue Welt” von Evgeny Morozov. Die 600 Seiten sind lesenswert, interessant und nicht langweilig geschrieben. Er setzt sich kritisch mit der Interneteuphorie unserer Tage auseinander und schießt gegen die perfektionistischen “Solutionisten” aus dem Silicon Valley.

Ich bin selber ein großer Freund der innovativen Tätigkeiten von Unternehmen, besonders aus dem Startup Bereich. Dennoch kann ich Morozovs Kritik verstehen und mir persönlich hilft sie, über gewisse Dinge und eigene Aktivitäten zweimal nachzudenken. Morozov beschreibt die Silicon Valley Mentalität im Wesentlichen so, dass Fragen der Effizienz wichtiger sind, als Fragen der Moral. Er deutet darauf hin, dass der Mensch und seine Gesellschaft mehr braucht als nur schnelle und einfache Lösungen. “Der Solutionismus kann moralisches Denken nicht ersetzen; wir sollten nicht zulassen, dass er uns Lösungen diktiert, die nur deshalb richtig erscheinen, weil sie einfach sind.” (Morozov 2013, S.463) Für ihn steht folglich der gesellschaftliche und politische Fortschritt an erster Stelle und dieser kann nicht durch Technologien, sondern durch inhaltliche Diskurse und reales soziales Handeln vorangetrieben werden. Maschinelles Handeln hilft dem Sozialgefüge der Gesellschaft und der Kommunikation ihrer vielfältigen Gemeinschaften nicht weiter.
Morozov ist kein Anti-Technologe, er kritisiert jedoch die dem entgegengesetzte Position der radikalen Technik-Evangelisten. ”Die Technik ist nicht der Feind; unser Feind ist der romantische und revolutionäre Problemlöser, der ihr innewohnt.” (Morozov 2013, S.592) Er begründet seine Kritik am Solutionismus durch das folgende spannende Argument: “Grenzen – und was sind “Zwänge” anderes als Grenzen? – können für das menschliche Gedeihen produktiv und sogar förderlich sein. Hindernisse und Barrieren schaffen Bedingungen, unter denen unser eigentliches Menschsein erwachen kann.” (Morozov 2013, S.424)

Er spricht auch über die Gefahren für unser kritisches Denken, welches niemals durch Lösungen aus dem technischen Bereich ersetzt werden kann und sollte. ”Diese Flucht vor dem Denken und der Drang, menschliches Urteilsvermögen durch zeitlose, von Algorithmen erzeugte Wahrheiten zu ersetzen, ist die treibende Kraft, die dem Solutionismus zugrunde liegt.” (Morozov 2013, S.420) Er weist auf die Gefahr hin, dass der “Informationsreduktionismus” der Internet-Unternehmen dazu führt, dass alles Wissen durch die Brille der Information betrachtet wird. Der Solutionismus speist sich aus Ansichten der Aufklärungszeit über die befreiende Macht von Informationen. Mehr Informationen sind demnach immer besser als weniger, je mehr Wege man hat, eine Information zu analysieren, desto besser. Ethische Fragen – ob es richtig oder falsch ist, Informationen zu organisieren und ihren Nutzen zu steigern – werden nicht gestellt.
Es ist jedoch klar, dass zwischen Information und Wissen ein tiefer Graben gezogen ist und wir Menschen im Leben immer wieder die Informationen mühsam auf die Seite des Wissens ziehen müssen. In dem Prozess sind mehr Informationen nicht immer gleichzeitig besser als weniger.

Transparenz und das Wesen des Internets

Solutionisten setzen Probleme voraus, statt sie zu erforschen; ausgerüstet mit der Idee “des Internets”, gehen sie von ganz bestimmten Problemen in einer spezifische internetzentristischen Weise aus. “Das Internet” kann die Transparenz erhöhen? Sehr schön, das bedeutet, dass Transparenz wichtig und per se erstrebenswert ist. “An diesem Punkt ist die Unterscheidung zwischen Transparenz als intrinsischem und Transparenz als instrumentellen Wert besonders wichtig. Wenn wir versuchen, in einem Bereich unseres öffentlichen oder privaten Lebens mehr oder weniger Transparenz herzustellen, sollten wir das nicht deshalb tun, weil wir Transparenz (oder im umgekehrten Fall Undurchsichtigkeit) per se schätzen, sondern weil die Transparenz anderen, höheren Gütern nützt oder schadet. Auf jeden Fall ist es kein Argument für mehr Transparenz, dass digitale Technik es erleichtert, mehr Elemente unseres Lebens einer kritischen Prüfung von außen zu unterwerfen.” (Morozov 2013, S.144f.)

Mit seiner Kritik am Internetzentrismus schwingt auch eine Kritik am allgemeinen Medienzentrismus à la McLuhan mit. Morozov ist der Überzeugung, dass im historischen Prozess die Bedeutungsänderungen dem Menschen mehr Positives gebracht haben, als die Veränderungen durch Medientechnologien. Dieser allgemeine Streit zwischen Inhalt und Form zieht sich schon seit langer Zeit durch die Sozial- und Kulturwissenschaften und wird wohl auch auf absehbare Zeit nicht gelöst werden. Doch für Morozov steht fest, dass “das Internet” keine große, tiefere Logik besitzt; ganz im Gegensatz dazu, was Kevin Kelly und seinesgleichen glauben, sagt uns “das Internet” nichts. (vgl. Morozov 2013, S.579)

Insgesamt verleiten uns Solutionismus und Internetzentrismus dazu, Probleme zu sehen, weil wir unsere digitalen Hilfsmittel für so großartig halten und eben nicht aufgrund der Bedürfnisse und Anforderungen demokratischer Politik an sich. Während Internetzentristen glauben, “Offenheit” sei per se gut und wird nun notwendig, weil die Logik des Internets dies fordere, untersuchen Internetrealisten, was das Reden über “Offenheit” für Regierungen und Unternehmen bedeutet und was sie dafür tun.

Egal ob durch Solutionismus oder Internetzentrismus, es besteht die Gefahr, dass die fortlaufende kritische Selbsthinterfragung, die John Dewey als für das demokratische Leben wesentlich betrachtete, blockiert wird. (vgl. Morozov 2013, S.422) ”Etwas am Zusammenleben mit anderen menschlichen Wesen in der Polis lässt sich einfach nicht in Formeln ausdrücken und auf Optimierungstechniken reduzieren. Denken und Diskurs sind unvermeidbar; selbst die perfektesten Algorithmen könnten uns das nicht ersparen – jedenfalls nicht, ohne dass unsere politische Kultur dabei verarmen würde.” (Morozov 2013, S.198)

Was ist der Superlativ von Perfekt?

Wir streben doch alle nach dem, was am “perfektesten” ist oder? Na ja, logisch betrachtet lässt sich dieses Adjektiv jedoch nicht steigern, auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen. Für Morozov ist “perfekt” der Feind von “gut” und manchmal ist gut gut genug und dies ist unabhängig davon haltbar, welches Werkzeug wir in den Händen halten. (vgl. Morozov 2013, S.586)

Sollte der Mensch wirklich “maximal getrieben” sein? Ich glaube, dass hierin eines der wesentlichen Probleme unserer Gesellschaft liegt. Er spaltet die Gesellschaft, da er nur einigen wenigen hilft und den Rest über Bord wirft. Man sollte den Menschen in seiner Sozialisation nicht vermitteln, dass sie nur Zufriedenheit erlangen, wenn Sie perfekt sind.
“Das Hauptproblem mit den Solutionisten ist, dass sie partout nicht akzeptieren wollen, dass jedes Streben nach Perfektion einen negativen Einfluss auf unsere politische Kultur ausüben könnte – unabhängig davon, ob sich dieses Streben in der Forderung äußert, dass Politiker vollkommen ehrlich und transparent zu sein haben, oder in tatsächlichen Bemühungen, die unterstellten Einschränkungen des Parteiensystems zu überwinden.” (Morozov 2013, S.198)

Doch sind die neuen technologischen Möglichkeiten der Grund für den aufstrebenden Perfektionismus? Auf jeden Fall treiben sie uns an und verführen uns zu einem Streben nach immer mehr, immer höher und immer weiter. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Perfektion im menschlichen Wesen schlummert und er potenziell immer schon dazu neigte, so ändert dies nichts daran, dass der durchschnittliche Mensch im technologischen Wettrüsten psychisch und physisch an seine Grenzen getrieben wird.

Die Sabbatökomomie als Kompromiss

Dieser Gedanke bringt mich zu einer weiteren Erkenntnis, die ich vor Kurzem bekommen habe, als ich “Die Ökonomie von Gut und Böse” von Thomas Sedlacek gelesen habe.

Er schreibt dort von einer Sabbatökonomie, durch die ein Ausgleich der wesentlichen Zielkonflikte entstehen soll. “Die Menschheit wird zwischen den Neigungen, die Realität um sich herum zu verändern und mit dem zufrieden zu sein, was sie hat, mit dem erzielten Fortschritt, hin und her gerissen.” (Sedlacek, S.305) Er erinnert an die Thora, der zufolge der Mensch die Welt um sich herum an sechs Tagen verändern, am siebten Tag jedoch ruhen, nachdenken und sich an seiner Hände Arbeit erfreuen soll. Sedlaceks weiteres Statement zur Sabbatökonomie ist so gut formuliert, dass es Wert ist, hier etwas länger zitiert zu werden:

“Wenn wir unsere derzeitige Situation betrachten, können wir sehen, dass wir in den letzten Jahrzehnten wirklich enorm viel erreicht haben. […] Der Westen selbst hat einen noch tieferen Fortschritt erreicht, sowohl bei der Technologie als auch beim Wohlstand. Es sieht aber so aus, als habe man das Pferd zu scharf geritten. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Imperativ wird von der Maximierung der Leistung und des Konsums bestimmt, nicht von Zufriedenheit. Und auch wenn die neuen Technologien im Gewand des Versprechens der Zeitersparnis daherkommen, wird uns nicht mehr Ruhe gewährt (gestehen wir uns selbst nicht mehr Ruhe zu).

Ist es denn überhaupt nötig, die gesamte Energie, die der technische Fortschritt uns bringt, in den Konsum und in Wachstum zu stecken? Man kann Energie doch auch für andere Dinge aufwenden, es gibt auch andere Quellen der Freude.

Das Sabbatgebot besagt das Gegenteil: Du sollst nicht immer optimieren. Der Nutzen aus dem Konsum könnte schon fast erschöpft sein, dieser Brunnen ist bereits ausgetrocknet und es ist vielleicht gar nicht möglich, ihn weiter zu maximieren.” (Sedlacek, S.306)

 

Es geht also um die innere Zufriedenheit, als erstrebenswertes Ziel, dem der Wachstum und die innovativen Technologien als Mittel dienen. Dabei ist es in den letzten Jahren so, dass aber der Wachstum zum Selbstzweck verkommern ist. Sedlacek schlägt vor, dass wir unser Bewusstsein für die Zufriedenheit schärfen, indem wir uns – ähnlich wie die Hebräer – Zeiträume für Erholung, Entspannung und Genuss einräumen.

Man könnte auch mit Marcus Willaschek sagen: “Aller medizinische, technische und soziale Fortschritt hat nichts daran geändert, dass Glück und Gesundheit des einzelnen Menschen jederzeit gefährdete Güter sind. Die physische und psychische Verletzbarkeit des Menschen gehört zu den Grundbedingungen unseres Lebens.” (“Bedingtes Vertrauen”, im Buch “Die Gegenwart des Pragmatismus” Hrsg. Hartmann/Liptow/Willaschek)

Media(r)evolution

Wir können das Internet nutzen, um dieses Glück und diese Gesundheit zu erzeugen. Das Internet ist großartig und es kann uns dabei helfen die Probleme, die uns das Leben bietet, zu lösen. Es alleine wird jedoch nicht reichen. Trotzdem führt es zu neuen Methoden und Veränderungen. Das “Neue” wird einen großen Einfluss auf uns und die Gesellschaft haben und deshalb müssen wir uns auch sehr gut mit dem anstehenden Prozess und dessen Konsequenzen auseinandersetzen.

Ein sinnvoller Weg wäre eine langsame und deliberativ erzeugte Entwicklung des “Neuen”. Nach dem Motto Evolution vor Revolution. Gerade die Veränderungen in unserem Mediensystem werden viel durcheinanderwirbeln. Das ist gut so und wird die verkrusteten Strukturen von so manchen Medienhäusern aufbrechen oder sogar auflösen. Dieser Veränderungsprozess sollte gesellschaftlich gut vorbereitet sein und es muss genug Raum für eine kritische Auseinandersetzung  mit eventuellen negativen Folgen stattfinden. Es geht zum Beispiel nicht, dass dem Journalismus komplett der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
Dass heißt nicht, dass Journalisten ihre öffentliche Aufgabe neu justieren müssen und weniger als Gatekeeper auftreten, sondern eher als kritischer Beobachter auf der gleichen Machtebene. Diese Entwicklung braucht jedoch noch Zeit. Sie wird aber der Gesellschaft schließlich mehr Kraft verleihen können.

Auf den Punkt, das Internet ist nicht gut oder schlecht, es kommt darauf an, was wir damit machen. Auch Morozov scheint in eine ähnliche Richtung zu denken, wenn er sagt: “Allerdings sollten wir uns davor hüten, der Technik die Schuld an allem zu geben; die Technik steht keinesfalls im Widerspruch zu Diskurs und moralischem Leben im Sinne Deweys. […] Richtig entworfen, kann die Technik die intellektuellen Freiräume, die unser moralisches Leben möglich machen, erweitern, anstatt sie einzuengen.” (Morozov, S. 337ff. )

Also, lasst uns die Welt verändern und dabei niemals den Inhalt über die Form hinweg vergessen.

 

Artikelbild: Wikimedia Commons

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